Ratgeber
Unternehmen vor dem Vorstellungsgespräch recherchieren
Von OwnThatJob Redaktion · Fachliche Prüfung: OwnThatJob Redaktion · Veröffentlicht am · Aktualisiert am
Gute Recherche dauert 60 bis 90 Minuten und liefert dir drei Dinge: ein Bild davon, wie das Unternehmen Geld verdient, ein Verständnis der Rolle im größeren Kontext und zwei bis drei konkrete Rückfragen, die im Gespräch Wirkung zeigen. Diese Anleitung führt dich durch die wichtigsten Quellen — von Karriereseite bis öffentlich zugängliche Kennzahlen.
Das Wichtigste in Kürze
- 60–90 Minuten reichen für ein Erstgespräch.
- Fünf Quellen: Website, Karriereseite, Presse/News, LinkedIn, öffentliche Register.
- Ziel: Geschäftsmodell verstehen und zwei bis drei konkrete Fragen ableiten.
- Recherche nicht auswendig zeigen — nur da einsetzen, wo sie natürlich passt.
- Notiere Widersprüche zwischen Website und Aussagen im Gespräch.
Reihenfolge der Quellen
| Quelle | Was du dort findest | Zeit |
|---|---|---|
| Startseite und Produktseite | Positionierung, Zielgruppe, Sprache. | 10–15 min |
| Karriereseite und Über-uns | Werte, Team, Prozesse (mit Vorsicht: Marketing). | 10 min |
| News und Presse (letzte 12 Monate) | Finanzierung, neue Produkte, Führungswechsel. | 15 min |
| LinkedIn: Team, deine Ansprechperson | Rollen im Team, Werdegang der Interviewer. | 15 min |
| Öffentliche Register / Handelsregister | Rechtsform, Sitz, Geschäftsführung, ggf. Jahresabschluss. | 10 min |
Verstehe das Geschäftsmodell
- Wie verdient das Unternehmen Geld: Lizenz, Nutzung, Beratung, Werbung?
- Wer ist der typische Kunde: Größe, Branche, Kaufentscheider?
- Wie sieht der Vertrieb aus: Self-Service, Sales-Team, Partner?
- In welchem Wettbewerbsumfeld steht das Unternehmen — zwei bis drei Alternativen?
- Welche Rolle spielt die ausgeschriebene Stelle in diesem Bild?
News und Signale
News der letzten 12 Monate zeigen dir, wo das Unternehmen steht. Achte auf konkrete Ereignisse — nicht auf Adjektive der PR-Meldung.
- Finanzierungsrunde: wann, wie hoch, welche Investoren?
- Führungswechsel: neue Rolle oder Ersatz?
- Produktentscheidungen: neue Linie, Einstellung eines Produkts?
- Marktveränderungen: Regulierung, Wettbewerber, Konsolidierung.
LinkedIn: Team und Interviewer
Auf LinkedIn suchst du drei Dinge: die aktuelle Teamgröße, den Werdegang deiner Interviewer und die Sprache, in der das Unternehmen über sich spricht. Sei respektvoll — auffälliges Anschauen kurz vor dem Gespräch ist sichtbar, das ist aber unproblematisch, wenn du dich normal verhältst.
- Wie groß ist das Team, in das du kommst?
- Aus welchen Unternehmen kommen die Menschen typischerweise?
- Welche Beiträge schreiben Führungskräfte selbst?
- Gibt es aktuelle offene Stellen, die etwas über die Strategie sagen?
Ausgearbeitetes Beispiel
Beispiel: Recherche für ein Gespräch bei einem 120-Personen-SaaS
Fiktives Unternehmen, realistisches Rechercheergebnis.
- Geschäftsmodell
- „B2B-SaaS für Ops-Teams im Mittelstand, jährliche Lizenz pro Nutzer, klassisches Sales-Team mit AE und CS.“
- News
- „Serie B im März, neuer VP Product im Mai, öffentlich kommunizierte Expansion nach Frankreich für dieses Jahr.“
- Signale zur Rolle
- „Ausschreibung: Senior PM mit Fokus internationale Expansion. Zusammen mit den News wirkt das wie eine echte Prioritätsstelle, nicht wie ein Backfill.“
- Fragen, die daraus entstehen
- „Wie ist die Expansion nach Frankreich gerade aufgestellt? Wo sitzt der Product-Fokus zwischen bestehendem Markt und neuem Markt? Welche Rolle hat der neue VP Product bei dieser Priorisierung?“
Worauf du im Gespräch selbst achtest
- Widerspricht das Team der Website-Story? Freundlich nachfragen.
- Werden Ziele konkret genannt? Gute Teams antworten in Zahlen oder klaren Meilensteinen.
- Wie einig sind sich die Interviewer bei denselben Fragen?
- Wer redet über den Kunden — und wer nur über das Produkt?
Häufige Fehler
- Nur die Startseite gelesen und den Rest improvisiert.
- Recherche im Gespräch demonstrativ vortragen wie ein Referat.
- Nur Marketingtexte lesen, ohne konkrete News zu prüfen.
- Fragen stellen, deren Antworten auf der Karriereseite stehen.
- Ergebnisse ungewichtet in eine Notiz gießen, statt drei bis fünf Kernpunkte zu verdichten.
Häufige Fragen
- Wie viel Recherche ist genug?
- Für ein Erstgespräch reichen 60 bis 90 Minuten. Ab der zweiten Runde vertiefst du Rollen, Team und Prozessdetails.
- Sollte ich Zahlen aus Register-Auszügen im Gespräch nennen?
- Nur, wenn sie erkennbar öffentlich sind und deine Frage tragen. Etwa: „Ich habe gesehen, dass ihr letztes Jahr auf X Mitarbeiter gewachsen seid — wie hat sich die Struktur des Teams dabei verändert?“
- Was, wenn ich zum Unternehmen fast nichts finde?
- Notiere genau, was du nicht findest — das sind gute Fragen im Gespräch: „Ich habe wenig zu eurem Vertriebsansatz gefunden — wie läuft der Verkauf heute?“
- Darf ich Bewertungsplattformen nutzen?
- Als Orientierung ja, aber mit Vorsicht. Einzelne Bewertungen sind wenig belastbar; Muster über viele Rezensionen sind eher aussagekräftig.
- Sollte ich meine Interviewer auf LinkedIn anschauen?
- Ja, üblich und erwartet. Vermeide es, direkt vor dem Gespräch zu markieren, dass du ihr Profil gesehen hast.
- Wie zeige ich, dass ich recherchiert habe, ohne aufdringlich zu wirken?
- Verwende Rechercheergebnisse nur, wenn sie eine Frage oder eine Antwort tragen — nicht als eigenständige Aussage.
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Rechercheergebnisse verdichtet auf einer Seite — Geschäftsmodell, Signale, offene Fragen.